Wir leben in einer Zeit der maximalen Verfügbarkeit. Ein Klick, ein Swipe, und wenige Stunden später steht das Paket vor der Tür. Was wir oft als ultimative Freiheit feiern, könnte in Wahrheit das Gegenteil sein: der Verlust unserer echten Handlungsfähigkeit.
Der Soziologe Hartmut Rosa beschreibt in seinem neu erschienenen Buch „Situation und Konstellation: Vom Verschwinden des Spielraums“ eine Beobachtung, die mich als Kulturanthropologin und Zukunftsforscherin zutiefst umtreibt. Er spricht davon, dass wir uns immer mehr in einem Modus des reinen „Vollziehens“ befinden. Wir arbeiten To-do-Listen ab, wir folgen algorithmischen Pfaden, wir funktionieren. Doch echtes Handeln – also das gestaltende, wirksame Eingreifen in die Welt – braucht Spielraum. Es braucht Unverfügbarkeit und Resonanz.
Konsum als bloßer Vollzug
Wenn wir uns unsere moderne Konsumkultur ansehen, wird dieser „Vollzugsmodus“ überdeutlich. Der Online-Handel ist darauf optimiert, jede Reibung zu eliminieren. Seamless Commerce ist das Schlagwort. Wir shoppen im Vorbeigehen, ohne es zu bemerken.
Alles ist glatt, schnell und erwartbar. Doch dort, wo die Reibung verschwindet, verschwindet auch das Erlebnis. Ein algorithmisch gesteuerter Kauf ist kein Handeln mehr, es ist das Ausführen eines vordefinierten Prozesses.
Wir sind effizient, ja. Aber wir sind dabei oft seltsam unberührt. Uns fehlt die Resonanz, die Begegnung mit dem Unerwarteten, die uns früher in den physischen Räumen des Handels begegnet ist.
Die Rückeroberung des Spielraums
Diese Diagnose ist kein Grund für Pessimismus, sondern ein Auftrag für die Gestaltung der Zukunft. Wenn uns der Spielraum fehlt, müssen wir ihn uns zurückholen. Wir müssen Orte schaffen, die eben nicht nur auf Effizienz und Transaktion ausgelegt sind, sondern auf Resonanz.
Genau hier liegt die Kernidee meines Projekts für die World Design Capital Frankfurt/RheinMain 2026. Mit der Pop-up-Ausstellung „Democratize Consumption! – Vom Warenhaus zur Shopping-App“ gehen wir ab Mitte Mai 2026 in den Leerstand eines ehemaligen Warenhauses in Wiesbaden. Ein Ort, der wie kaum ein anderer den Wandel vom stolzen „Handeln“ zum traurigen „Vollzug“ (und schließlich zum Stillstand) symbolisiert.
Design for Democracy: Konsum neu denken
Das Motto der WDC 2026 lautet „Design for Democracy“. Für mich bedeutet das: Wie können wir Räume so gestalten, dass sie uns wieder zu aktiven Akteuren machen?
Demokratie braucht das Handeln. Sie braucht Menschen, die sich nicht nur als Konsumenten (die vollziehen) verstehen, sondern als Bürger:innen, die gestalten. Ein Museum für Konsumkultur ist deshalb kein Ort der bloßen Nostalgie. Es ist ein Labor für die Zukunft. Wir blicken auf die Geschichte des Warenhauses – jener einstigen „Kathedralen des Konsums“ – um zu verstehen, welche Qualitäten wir in der digitalen Glätte von heute verloren haben.
Vom Point of Sale zum Point of Resonance
Die Zukunft des Handels (und unserer Innenstädte) wird nicht davon abhängen, ob wir noch schneller liefern können. Sie wird davon abhängen, ob es uns gelingt, Räume der Resonanz zu schaffen. Orte, an denen wir nicht nur „User“ sind, sondern Menschen, die sich begegnen und wirksam sind.
Wir brauchen wieder Spielräume. Wir brauchen Orte, die uns herausfordern, die uns überraschen und die uns daran erinnern, dass wir mehr sind als die Summe unserer Warenkörbe.
Ich freue mich darauf, im Rahmen der World Design Capital 2026 genau diese Räume mit euch zu erkunden und neu zu entwerfen. Denn die Frage, wie wir konsumieren, ist letztlich die Frage, wie wir leben wollen.
Lasst uns aufhören zu vollziehen. Fangen wir wieder an zu handeln.


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