Der Rekord, den niemand feiert

2025 wurden in Deutschland rund 550 Millionen Retourenpakete verschickt – ein neues Allzeithoch. Fast jedes vierte Paket im Onlinehandel geht zurück, über 80 Prozent davon im Modesegment (Forschungsgruppe Retourenmanagement, Uni Bamberg).
Offiziell entsorgen Händler direkt nur 1,3 Prozent der retournierten Artikel – „in absoluten Zahlen trotzdem mehrere Millionen“, wie Retourenforscher Björn Asdecker einordnet. Was über Wiedervermarkter oder stille Rückerstattungen verschwindet, ist gar nicht erst erfasst.
Genau diese Blackbox hat das Bamberger Team im Juli 2026 im Auftrag des Umweltbundesamts untersucht – mit einem klaren Befund: Entsorgung ist meist keine ökologische, sondern eine wirtschaftliche Entscheidung. Schreddern ist schlicht billiger als Sortieren.
Ab 19. Juli ist das keine Option mehr – jedenfalls in der EU
Die EU-Ökodesign-Verordnung (ESPR) verbietet großen Unternehmen ab dem 19. Juli 2026 die Vernichtung unverkaufter Textilien und Schuhe. Ausdrücklich eingeschlossen sind auch Retouren. Wer trotzdem entsorgt, muss offenlegen, wie viel und warum. Grundsätzlich gilt: Neuware ist kein Wegwerfprodukt mehr, nur weil sie retourniert wurde oder ein Ladenhüter ist.
Das Warum dahinter ist wirtschaftlich, nicht moralisch: Wer in Deutschland Produkte spendet, weil man sie (aus welchen Gründen auch immer) nicht mehr weiterverkaufen möchte, muss bislang Umsatzsteuer auf den ursprünglichen Warenwert abführen, obwohl kein Umsatz entstand – ein Fehlanreiz, der Wegwerfen steuerlich attraktiver machte als Spenden. Im Luxussegment geht’s vor allem um Markenschutz: Burberry etwa vernichtete zwischen 2013 und 2018 Ware im Wert von über 90 Millionen Pfund, um die eigene Preisdisziplin zu wahren. Und schlicht: Sortieren, Prüfen, Wiederaufbereiten kostet Personal und Lagerfläche – bei Fast Fashion rechnet sich das nicht, zu schlecht die Qualität, zu niedrig die Margen, zu schnell die neuesten Trends.
Zero Waste heißt: Kein Produkt ist für die Tonne gemacht
Genau das ist die Logik, die wir mit dem Trend Zero Waste Design beschreiben (siehe Zukunftsstudie Handel 2024): Kein Produkt ist es wert, nach geringer oder gar keiner Nutzung im Müll zu landen. Retouren sind dafür der ideale Testfall – die Ware ist meist makellos, es fehlt nicht am Produkt, sondern an der Infrastruktur, es zurück in den Kreislauf zu bringen. Modelle, die das lösen, gibt es längst: Die schottische Firma ACS Clothing arbeitet Retouren für Modeunternehmen auf und verkauft sie weiter, das Berliner Start-up reverse.supply baut Händlern eine eigene Recommerce-Infrastruktur, und selbst H&M betreibt inzwischen eine eigene Secondhand-Plattform. Wer nur Retouren besser verwertet statt von vornherein bedarfsorientiert zu produzieren, greift dabei zu kurz – die konsequentere Antwort ist die Ressourcenwende, die wir in der Zukunftsstudie Handel im Kapitel Regenerative Growth beschrieben haben: nicht nur weniger schädlich wirtschaften, sondern aktiv dazu beitragen, dass Ressourcen im System bleiben.
Der Markt ist dafür bereit: Secondhand ist längst Mainstream, nicht Nische. 55 Prozent der Deutschen kaufen bereits gebraucht, der deutsche Markt setzt 14,8 Milliarden Euro um, allein online hat sich der Umsatz zwischen 2019 und 2024 von 5,7 auf 9,9 Milliarden Euro fast verdoppelt – und wuchs zuletzt fast doppelt so schnell wie der Handel mit Neuware. In Frankreich ist Vinted mittlerweile größter Modehändler des Landes – vor Amazon (siehe Future:Guide Handel, Kapitel Nachhaltiger Mainstream). Selbst der Luxusmarkt zieht nach: Vestiaire Collective, TheRealReal und Rückkaufprogramme großer Marken zeigen, dass Wiederverkauf längst kein Widerspruch zu Exklusivität mehr ist.
Die Lücke: Shein, Temu und der Export ins Ausland
Rechtlich gilt das Verbot auch für sie – entscheidend ist, wer Ware auf dem EU-Markt in Verkehr bringt, nicht der Firmensitz. Das Problem ist die Durchsetzung: Bei täglich Millionen Kleinsendungen sind Zoll und Marktüberwachung überfordert, und es fehlt eine haftbare EU-Vertretungspflicht für Plattformen wie Shein oder Temu.
Wie real das Problem ist, zeigt eine Recherche der schwedischen Zeitung Aftonbladet: Ein Team verfolgte fünf Shein-Retouren per GPS-Tracker. Shein behauptet, 90 Prozent der EU-Retouren blieben in der EU. Die Tracker fanden einen Teil davon stattdessen in der Atacama-Wüste in Chile wieder – dem globalen „Fast-Fashion-Friedhof“ – und auf dem Schwarzmarkt in Bolivien. Das ist streng genommen keine „Vernichtung“ im Sinne des Gesetzes, sondern Export. Genau darin liegt die Lücke.
Prognose: Zwei Geschwindigkeiten statt einer Lösung
Bringt das Vernichtungsverbot etwas – oder verlagert es das Problem nur? Meine Einschätzung: beides, ungleich verteilt.
Bei EU-ansässigen Händlern wie Zalando, H&M oder Inditex wird das Gesetz Wirkung zeigen. Sie unterliegen direkter Marktaufsicht, das Reputationsrisiko wiegt schwer, und der Trend zu Circular Fashion läuft bereits – das Gesetz beschleunigt ihn eher, als dass es ihn erzwingt.
Bei Plattformen mit Direktversand aus Drittstaaten ist die Wirkung offen. Ein zweites, bisher wenig beachtetes Regelwerk könnte hier ansetzen: Die neue EU-Abfallverbringungsverordnung trat am 21. Mai 2026 vollständig in Kraft und verschärft ab Mai 2027 den Export von Alttextilien in Nicht-OECD-Staaten deutlich – nur noch gelistete Länder mit geprüfter Entsorgungsinfrastruktur dürfen dann importieren. Das könnte genau die Lücke schließen, die Aftonbladet aufgedeckt hat.
Die entscheidende Schwachstelle bleibt die Klassifizierung: Beide Gesetze greifen nur, wenn Ware korrekt als „unverkauft“ bzw. „Abfall“ deklariert wird. Solange Retouren als „Secondhand“ exportiert werden können, obwohl ein Großteil nicht mehr verkäuflich ist, bleibt die Tür offen – ein Muster, das vom Kantamanto-Markt in Ghana seit Jahren bekannt ist. Der von der EU-Kommission für Herbst 2026 angekündigte Circular Economy Act wird diese Fragen adressieren, ist aber selbst erst ein Gesetzesvorschlag – mit verbindlichen Pflichten ist frühestens Ende des Jahrzehnts zu rechnen. Bis dahin gilt: Das Vernichtungsverbot wirkt dort am stärksten, wo am wenigsten vernichtet wird – und am schwächsten dort, wo das eigentliche Volumen liegt.

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