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Von der Weißen Woche zum Black Friday

Kaum ist der Singles’ Day vorbei, starten wir in die nächste Runde der Rabattdramaturgie: Black Week, Black Deals, Black Season. Die Seiten von Amazon, Temu & Co. wirken längst wie Shopping-TV in Dauerschleife: „Nur für kurze Zeit“, „starke Nachfrage“, Countdown inklusive. Die Schaufenster sind mit schreiend-billigen Reklame-Postern dekoriert. Selbst Autos gibt es heute im „Black Sale“.

Man fragt sich: Was soll das? – Oder auch nicht. Laut aktueller HDE-Umfrage wollen 48 Prozent der Konsument:innen den Black Friday für die Schnäppchenjagd nutzen, ein Drittel den Cyber Monday. Gleichzeitig sollen die Umsätze zum ersten Mal unter dem Vorjahresniveau liegen. Die Lust auf Rabatte ist da – die Lockerheit im Geldbeutel weniger.

 

Doch eigentlich geht es schon lange nicht mehr um einen Tag. Aus dem Black Friday ist ein saisonales Event geworden: eine Black Shopping Week, bei vielen Händlern sogar ein ganzer Monat. Man möchte sagen: Zum Normalpreis kaufen? Ich bin doch nicht blöd! Rabattkultur als Dauerzustand.

Black Friday – ein Import, der größer wurde als sein Ursprung

Black Friday ist der Freitag nach Thanksgiving – und hat historisch nichts mit dem Schwarzen Freitag der Weltwirtschaftskrise 1929 zu tun. Auch wenn beides aus den USA kommt: Der Börsenkrach war eigentlich am Donnerstag, den 24. Oktober 1929. In Europa als „Schwarzer Freitag“ bekannt, weil die Nachricht aufgrund der Zeitverschiebung uns hier am Freitag erreichte. 

 

Tatsächlich steht der Black Friday seit den 1950er Jahren für den Start in die Weihnachtssaison. In den USA gehört der Tag zur Shoppingkultur wie der Truthahn zu Thanksgiving: volle Innenstädte, Verkehrschaos, Einkauf als sozialer Akt – ein echtes Happening.

 

Der E-Commerce transformierte das Ganze nach der Jahrtausendwende in die Cyber-Monday-Dynamik: zeitlich getaktete Online-Deals, die aus einem Tag schnell eine ganze Cyber Week machten. Das Prinzip: künstliche Verknappung, Live-Effekt, FOMO. Die Schnäppchenjagd als kleines Adrenalin-Event zwischen Laptop, Smartphone und Warenkorb.

 

Auf die Spitze getrieben haben das nun chinesische Online-Händler – bei ihnen ist eigentlich jeder Tag Schnäppchentag. Übrigens hat der Singles' Day, also der 11.11., seinen Ursprung in China und wird dort seit den 1990ern gefeiert. Zum Shopping-Tag wurde er allerdings erst durch den Online-Giganten Alibaba. Heute gilt er als das größte Online-Shopping-Event der Welt und übertrifft den Umsatz von Black Friday und Cyber Monday zusammen. 

Event-Shopping: Wenn jeder Tag ein Feiertag ist

Was früher Winter- und Sommerschlussverkauf waren, ist heute eine Kalenderlandschaft aus Rabatttagen: Midseason Sale, Singles’ Day, Cyber Week. Der Handel füllt das Jahr mit „Anlässen“, die nichts mehr mit Produktzyklen zu tun haben – aber viel mit Psychologie.

 

Wer sparen will, kauft mehr.

 

Das Gefühl, einen guten Deal zu machen, ersetzt zunehmend den Bedarf. Konsument:innen reagieren nicht auf das Produkt, sondern auf die inszenierte Gelegenheit. Studien zeigen: Viele Black-Friday-Schnäppchen sind gar keine. Aber das Gefühl reicht.

 

Händler wissen das – und viele geraten in eine Preisspirale, die sie gegenüber Amazon & Co. kaum gewinnen können. Gleichzeitig zeigen Verbraucher:innen erste Ermüdungserscheinungen: Die Begeisterung sinkt, das Misstrauen steigt.

Weiße Woche: Die Anfänge der Rabattkultur

Das Warenhaus Hermann Tietz in der Leipziger Straße in Berlin erstrahlt im Februar 1927 in heller Leuchtreklamepracht – zu erkennen ist der Schriftzug Weiße Woche.
Das Warenhaus Hermann Tietz in der Leipziger Straße in Berlin erstrahlt im Februar 1927 in heller Leuchtreklamepracht – zu erkennen ist der Schriftzug Weiße Woche.

 

Bevor „Black Deals“ das Land eroberten, gab es im deutschsprachigen Raum eine sehr eigene, kulturell verankerte Form der Rabattwoche: die Weiße Woche.

 

Sie kam ursprünglich aus Frankreich, die semaine blanche. Auch heute feiert das Warenhaus Bon Marché in Paris noch den Mois du Blanc im Februar, wenn Bett- und Tischwäsche sowie Badtextilien vergünstigt angeboten werden. Einer der ersten, der die Weiße Woche auch in Deutschland zelebrierte, war Oscar Tietz in seinen Warenhäusern Hermann Tietz (später bekannt als Hertie). 1901 startete der Warenhauspionier im umsatzschwachen Monat Februar mit dem Abverkauf weißer Meterware von Kleider- und Wäschestoffen sowie Leinen. Alles war weiß dekoriert, innen wie außen. Alles wurde im eher dunklen Wintermonat Februar hell erleuchtet. 

Im Berliner Tietz-Warenhaus wurden sogar einmal weiße Stofftaschentücher so gestapelt und drapiert, dass eine mehrere Meter hohe Sphinx-Statue entstand. Bald ging es nicht mehr nur um Weißwaren, sondern auch generell um weiße Produkte vom Porzellan bis zu sonstigen Haushaltswaren. Die Weiße Woche war der Saisonverkauf der Kauf- und Warenhäuser im deutschsprachigen Raum. Sie war – und das ist entscheidend – ein saisonaler Kulturmoment. Kein hektisches Klicken, kein Countdown-Geflirre, sondern ein Event mit Charakter, Ästhetik und Bedeutung.

Der Schriftsteller und Journalist Kurt Pinthus brachte es 1928 herrlich auf den Punkt:

„Die Weiße Woche ist das Fest des Warenhauses.“

(zit. n. Busch-Petersen, 2013)

Das HO-Kaufhaus am Alexanderplatz wirbt 1960 mit der Weißen Woche im weißen (Ost-)Berlin. Foto © Kurt Schwarz (CC BY-NC-SA); Industriesalon Schöneweide. (2025-09-03).
Das HO-Kaufhaus am Alexanderplatz wirbt 1960 mit der Weißen Woche im weißen (Ost-)Berlin. Foto © Kurt Schwarz (CC BY-NC-SA); Industriesalon Schöneweide. (2025-09-03).

Bis die Nationalsozialisten kamen.

 

1934 wurden die Weißen Wochen verboten, die  jüdischen Waren- und Kaufhaus-Besitzer wurden enteignet und ihre Häuser arisiert. Aus Hermann Tietz wurde Hertie, aus Leonhard Tietz Kaufhof. Wertheim und Schocken sind  kaum mehr jemandem ein Begriff. Eine historische Zäsur, die bis heute wirkt – und nur wenigen bewusst ist.

 

Nach dem Krieg geriet das Format weitgehend in Vergessenheit. In der BRD gab es Sommer- und Winterschlussverkauf. In der DDR scheint es die Weiße Woche – zumindest eine Zeitlang – noch gegeben zu haben. So wirbt 1960 ein HO-Kaufhaus im winterlichen Berlin mit der Weißen Woche. Heute erinnern nur noch Archivfotos an diese besondere Kultur des Einkaufens.

Schnäppchen in Schwarz-Weiß

Mein Plädoyer: Führt die Weiße Woche wieder ein! Denn wir brauchen unbedingt einen weiteren Anlass, um einkaufen zu können. Als Pendant zum Black Friday und Cyber Monday, an denen Schnäppchen gemacht werden. Und dann einen „Clean Out your Closet Day“, an denen die Schnäppchen aus dem Kleiderschrank verschwinden. Und last but not least braucht es den „Space Day“ – an dem die Schnäppchen in die Weiten des Weltalls geschossen werden. Damit wir am „Earth Day“ wieder Platz auf der Erde haben – für Midseason Sale, Singles’ Day, Shopping-Tage, Flash-Sale, Big Deals und Black Friday …  


Literatur: 

Busch-Petersen, N. (2013). Oscar Tietz: Von Birnbaum/Provinz Posen zum Warenhauskönig von Berlin (3. Aufl). Hentrich & Hentrich.