Die deutsche Industrie schlägt Alarm: 36,6 Prozent der Unternehmen sehen ihre Wettbewerbsfähigkeit außerhalb der EU deutlich schwinden. Das Münchner ifo-Institut attestiert einen historischen Tiefpunkt. Die Stimmung im Einzelhandel ist verhalten; die Gesamtwirtschaft tief verunsichert, vielen Unternehmen fällt es schwer, ihre zukünftige Entwicklung einzuschätzen. Gleichzeitig erleben wir eine gesellschaftliche Stimmung, die eher nach Rückspulen als nach Vorspulen ruft.
Die Rückspultaste der Popkultur
Überall begegnet sie uns, die Sehnsucht nach der guten alten Zeit:

Im Kino, auf Streamingdiensten und im klassischen TV gibt es immer mehr Neuverfilmungen. Aus Filmen werden Serien auf Netflix und Co., Filmklassiker erhalten nach 20 Jahren oder mehr eine Fortsetzung – man denke nur an Matrix. Auch Die Nackte Kanone oder Das Kanu des Manitu sorgen erneut für gute Laune durch Bewährtes. Sequels boomen. Und im Jahr 2024 gab es mit 92 so viele Remakes im Kino und Fernsehen wie noch nie zuvor. Besonders Geschichten für Kinder erleben eine Neuauflage: Momo läuft wieder im Kino, und auch Pumuckl hüpft erneut über den Bildschirm.
Auch in der Musik erleben wir eine Welle der Rückbesinnung: Künstler:innen lehnen sich an vergangene Stile an: So sehr, dass sich Koryphäen der Neuen Deutschen Welle wie Annette Humpe es sogar frech nennen, wie sehr sich daran bedient wird, z.B. beim Verwenden von Textzeilen. Die sogenannte Neue Neue Deutsche Welle klingt bewusst unperfekt. Aber im Gegensatz zur NDW der 1980er sind es keine fröhlichen „Kinderlieder”, sondern zum Teil sehr düstere, höchste emotionale Texte verpackt in kühle Synthesizer-Sounds. Musik voller Sehnsucht und Melancholie.

Natürlich schwelgt auch der Mainstream in dieser Form der Nostalgie: Der neue Song „The Fate of Ophelia“ von Taylor Swift nimmt nicht nur Bezug auf Shakespeare’s Hamlet, sondern klingt (für mich) nach Lana del Rey. Ob als Hommage oder musikalische Entwicklung zweier befreundeter Künstlerinnen. Zugleich löste das Musikvideo ein Interesse an der Vorlage aus, an der sich die Sängerin orientiert haben könnte: nämlich am Kunstwerk Ophelia des deutschen Malers Theodor Heyser, einem Vertreter des Jugendstils und Symbolismus.
Dieser neue Hang zum Romantischen, Mythischen und Fantastischen zeigt sich auch in der Literatur: In der Welt der Bücher erlebt mit den Genres „New Adult“ und „Romantasy“ eine moderne Form von Groschenromanen eine Renaissance: Sex, Romance, Fantasy stehen hoch im Kurs.
In der Politik zeigt sich dieses Phänomen ebenso: In Sachen Verbrenneraus wird lieber an einem Beschluss gerüttelt, als diesen zielstrebig zu verfolgen und in die Tat umzusetzen. Man möchte innovationsoffen bleiben, aber nicht unbedingt innovativ werden. Als würde Innovation passieren.
Retromanie ist kein Zufall – sie ist ein historisches Muster
Diese Retromanie wirkt auf den ersten Blick wie ein kulturelles Kuriosum. Tatsächlich ist sie ein historisches Muster – eines, das besonders dann auftritt, wenn das Vertrauen in Fortschritt und Zukunft schwindet. Sie ist nichts Neues. Immer dann, wenn sich breite Teile der Gesellschaft gegen den Fortschritt stellen und sich stattdessen nach einer idealisierten „guten alten Zeit“ sehnen, befinden wir uns in Zeiten tiefgreifender Umbrüche, Krisen oder beschleunigten Wandels.
Schon im bröckelnden Römischen Reich der Spätantike flüchteten sich viele in Kulte und Religionen, beschworen den Mythos des Goldenen Zeitalters und die Tugendhaftigkeit in der Gründungszeit der Römischen Republik herauf. Und danach ging es ja tatsächlich bergab im Mittelalter. Auf die Renaissance schauen wir gerne als Fortschrittsepoche – und doch war sie geprägt von tiefer Rückbesinnung: Der Weg nach vorne führte über die Rückkehr zu antiken Ursprüngen.
Historisch betrachtet entsteht Innovation nicht selten aus einem sentimentalen Blick zurück. Fortschritt durch Rückgriff – ein paradoxes, aber erfolgreiches Muster.
Warum Nostalgie lauter wirkt, als sie ist
Blicken wir heute auf die tatsächlichen Zahlen, stimmen nur 15 Prozent der Deutschen der Aussage zu, dass früher alles besser war. Über die Hälfte widerspricht. Ost-West-Unterschiede? Kaum vorhanden. Die große Kluft verläuft woanders: Menschen mit einem populistischen Weltbild – etwa 17 Prozent der Gesamtbevölkerung – stimmen dieser Aussage mit über 85 Prozent zu. Das zeigt der „Demokratie-Monitor 2025“ der Universität Hohenheim.
Trotz ihrer geringen Größe hat diese Gruppe eine enorme kulturelle Resonanz. Kunst, Kultur, Medien und selbst Produkte greifen diese Stimmungen auf. Retromanie wirkt stärker, als sie statistisch nachweisbar ist. Das war in früheren Zeiten ähnlich: Die Romantikbewegung war sicherlich nicht der Mainstream, auch nicht die Humanisten der Renaissance. Und doch verkörperten sie eine Avantgarde, sie lehnten sich gegen die vorherrschende Weltsicht, gegen das Establishment auf. Biedermeier und Romantiker setzten sich nicht durch, die Industrialisierung und die Moderne ließen sich nicht ausbremsen. Die Sehnsucht zwischen den zwei Weltkriegen nach einem „alten Europa“ mit monarchischen Strukturen und einem starken Führer gepaart mit der Weltwirtschaftskrise sorgte für das NS-Regime. Diese Parallelen werden auch gerne zur aktuellen Situation gezogen. Heute haben wir jedoch keine Weltwirtschaftskrise, sondern eine Stimmungskrise – einen Mangel an Visionen, Zuversicht und gemeinsamen Zukunftsbildern. Die Geschichte hat gezeigt: Nostalgische Epochen kommen immer dann, wenn Gesellschaften das Vertrauen in die Zukunft verlieren.
Nostalgie ist kein Feind – sondern ein Werkzeug
Die Frage lautet daher nicht:
„Wie kommen wir von der Nostalgie weg?“
Sondern:
„Wie nutzen wir sie?“
Konsum als Seismograf der Gesellschaft – Mut als Motor des Fortschritts
Gesellschaftliche Stimmungen zeigen sich zuerst in Konsumobjekten und -mustern: in Mode, Musik, Lifestyle, Medien, Design. Junge Menschen tauschen wieder Kassetten, Marken der 1990er erleben ein Revival. Plötzlich dreht es sich in Social Media ums Eingemachte oder um Sauerteig; Tradwives trenden.

Gerade wegen der Nähe zu den Menschen als Konsument:innen, zu ihren Wünschen und Sehnsüchten, aber zu ihren Ängsten und Sorgen ist es kein Zufall, dass der Handel historisch oft der Motor für Innovation war. Während wir heute auf Pause drücken, waren die frühen Warenhausgründer im ausgehenden 19. und beginnenden 20. Jahrhundert geradezu radikale Innovatoren – heute würden wir sie Disruptoren nennen.
Sie brachten Elektrizität in die Städte, verwandelten Shopping in ein gesellschaftliches Erlebnis, öffneten den Zugang zu Waren für breite Bevölkerungsschichten und experimentierten mit Licht, Architektur, Logistik und einer neuen Form von Öffentlichkeit. Die Pioniere des modernen Konsums schufen Zukunft, indem sie sich eine bessere Gegenwart vorstellen konnten – und sie bauten diese Zukunft Stein für Stein auf. Und meist verwendeten sie dafür auch ihren letzten Pfennig – sie vertrauten auf den technologischen Fortschritt, trieben ihn zugleich voran und profitierten von ihm. Sie setzten Landmarken in den Innenstädten, sorgten dafür, dass ihre Häuser mit Straßenbahn und U-Bahn optimal angebunden waren und lieferten mit ihrer eigenen Fahrzeugflotten Waren zu den Kund:innen nach Hause aus.
Mut ist die Grundvoraussetzung für Unternehmertum.
Foto: Der expressionistische Karstadt-Bau am Berliner Hermannplatz beeindruckte nicht nur durch seine Dimensionen und galt 1929 als das größte und modernste Warenhaus Europas, sondern war auch das erste Warenhaus mit einem direkten U-Bahn-Zugang.
Warum wir das Alte kennen müssen, um Neues zu schaffen
Nostalgie kann ein Kompass sein – ein Hinweis darauf, was uns fehlt: Verlässlichkeit, Orientierung, Identität, Gemeinschaft. Wenn wir diese Bedürfnisse ernst nehmen, können wir daraus Zukunftsbilder entwickeln, die mehr sind als Rückspulbewegungen. Die Retromanie der 2020er wird sich dann gelohnt haben, wenn sie der Startpunkt für neue Entwürfe wird. Für mutige Innovation. Für kulturelle Experimente. Für Visionen, die emotional anschlussfähig sind – und realistisch.
They say the next big thing is here,
That the revolution's near,
But to me it seems quite clear
That's it's all just a little bit of history repeating.
Propellerheads feat. Shirley Bassey, 1997
Oft entsteht das Neue durch den Rückgriff auf das Alte. Es muss nicht alles weg, einiges soll bleiben und manches darf wiederkommen. Wer das Alte nicht mehr kennt, empfindet vielleicht plötzlich das Alte als das Neue. Umso wichtiger, über das Alte Bescheid zu wissen. Die Vergangenheit nicht zu löschen wie eine Festplatte.
Es hieß mal, das Netz vergisst nichts. Das empfanden wir damals als Bedrohung, wenn wir uns vorstellten, dass nach 20 Jahren plötzlich wieder alte, peinliche Partyfotos von uns auftauchten. Heute wissen wir: Das Netz mag zwar nichts vergessen, doch das Alte hat keine Relevanz mehr. Alles Alte wird von einer Lawine des Neuen überdeckt. Sichtbar ist nur, was aktuell, was jetzt ist.
Wir müssen die Geschichte kennen, um zu verstehen, dass sie sich wiederholt.
