Wir leben in einer Gegenwart, die uns mit Dauerkrisen, Widersprüchen und permanenten Negativschlagzeilen überfordert. Vielleicht ist es da kein Wunder, dass wir uns nach Parallelwelten sehnen – nach Geschichten, die einfacher sind als die Realität.
Eskapismus mit Glitzercover
Auf der diesjährigen Frankfurter Buchmesse zeigte sich das besonders deutlich: Das Genre New Adult war das dominierende Thema; in der Festhalle wurde zur Signierstunde der zum Teil wie Superstars gefeierten jungen Autor:innen geladen.
Why live in the world when you can live in your head?
Diese Zeile kam mir dazu in den Sinn. Ein Rückzug in Traumwelten also – nicht aus Langeweile, sondern aus Erschöpfung. Aus der Überforderung mit der Welt da draußen. New Adult, das bedeutet: Sex, Romance, Fantasy. Leichte Kost, sagen die einen. Seicht und platt nennen es die anderen. Auf jeden Fall ist es eine Form von Eskapismus.
Alte Muster in neuen Geschichten

So neu ist das alles übrigens gar nicht – neu ist nur der Hype, die Community, die sich darum gebildet hat. Vor einigen Jahren lasen junge Menschen Twilight oder Shades of Grey – schon damals geschrieben von (jungen) Frauen für (junge) Frauen. Davor gab’s Harry Potter. Auch die Groschen- oder Arztromane erfreuten sich schon vor Jahrzehnten vor allem bei jungen Frauen großer Beliebtheit. Ein bisschen heile Welt für ein paar Mark – vor allem in den Nachkriegsjahren konnten man die NS-Zeit hinter sich lassen und sich das schlechte Gewissen vielleicht auch ein wenig „reinwaschen“, aber auf jedem Fall dem Alltag und der Vergangenheit entfliehen.
Triviales boomt, Happy End garantiert
In Krisenzeiten haben sich die Menschen schon immer in die Unterhaltung geflüchtet. Durch Irrungen und Wirrungen zum Happy End. So weit, so gut – auch aktuell für die Buchbranche.
Natürlich gibt es Stimmen, die beklagen, dass junge Menschen heute kaum noch in der Lage seien, anspruchsvolle Texte zu lesen. Doch mal ehrlich: Wurden nicht auch schon unsere Großeltern ermahnt, das „Schundheftchen“ beiseite zu legen und lieber etwas „Richtiges“ zu lesen? Nicht ohne Grund gilt Heinz G. Konsalik als einer der kommerziell erfolgreichsten deutschen Schriftsteller der Nachkriegszeit in Deutschland.
Schöne heile Welt des Wirtschaftswunders
Einen Blick auf diese Ära wirft Harald Jähner in seinem Buch „Wunderland – Die Gründerzeit der Bundesrepublik 1955-1967“ Darin räumt er mit vielen Verklärungen des sogenannten Wirtschaftswunders auf. Er beschreibt eine Zeit der Tante-Emma-Läden, Neckermann-Kataloge und Käseigel – und doch war die Realität oft weniger idyllisch.
Tante Emma war eigentlich Onkel Erich
Denn die Tante-Emma-Läden waren, so Jähner, in Wahrheit meist Onkel-Erich-Läden: kleine Geschäfte mit einer Theke, hinter der ein mürrischer älterer Herr Lebensmittel ausgab. Direkt nach dem Krieg wurden Waren noch rationiert und gegen Essensmarken ausgegeben. Selbst in den 1950er-Jahren galt: Wer bar bezahlen konnte, bekam Rabattmarken für den nächsten Einkauf. Wer kein Geld hatte, ließ anschreiben. In den Regalen: viel Haltbares, kaum Frisches. Konserven und Einweckgläser dominierten das Bild. Die Eröffnung des ersten Supermarkts 1957 in der BRD war da eine Befreiung: Regale voller Waren, man konnte frei durch die Gänge schlendern, Produkte anfassen und selbst auswählen.
Konsum für alle, Reinwaschen der Vergangenheit

Auch die Versandhäuser schöpften ihre Kraft aus der Vergangenheit. Neckermann etwa war ein Profiteur der Arisierungen und Zwangsenteignungen während der NS-Zeit und konnte in den Nachkriegsjahren so richtig durchstarten – wie auch Horten. Blusen, Hosen, Waschmaschinen: nun bequem per Katalog bestellbar oder im Kaufhaus erhältlich. Trotz dieser dunklen Wurzeln wurden die Unternehmen zu Symbolen des Fortschritts, des Neuanfangs, des Konsums für alle.
Jähner spricht davon, dass die größte Angst der Menschen in jenen Jahren Schuppen und Schweißgeruch war. Anti-Schuppen-Shampoos und Deos boomten. Was zunächst amüsiert, offenbart bei genauerem Hinsehen eine tiefere Bedeutung: Auch darin steckt der Wunsch nach Reinheit, nach Ordnung – vielleicht sogar nach einem symbolischen Reinwaschen der Vergangenheit. Die junge Bundesrepublik wollte sauber, ordentlich, makellos sein.
Die Flucht vor dem Morgen
Damals wollte man die Vergangenheit vergessen. Heute ist es anders. Wir wollen nicht vergessen, sondern entkommen: nicht der Schuld, sondern der Zukunft. Wir flüchten nicht mehr vor dem Gestern, sondern vor dem Morgen – vor drohendem Krieg, Klimakrise, Wohlstandsverlust. Vor einer Welt, die uns zu viel abverlangt.
Vielleicht sind die Fantasiewelten, die wir uns heute schaffen, deshalb keine nostalgischen Rückzugsräume mehr, sondern kleine Zukunftspausen. Orte, an denen die Welt kurz stillsteht, bevor sie sich weiterdreht. Sie können heilende Wirkung entfalten, wenn wir sie dafür nutzen, um neue Kraft zu schöpfen. Um erfrischt aus ihnen aufzutauchen. Wir dürfen nur nicht in ihnen versinken.
